Lyn Bentschik über Collective Rhythms of Pain
das Interview führte Mona De Weerdt
In deiner neusten künstlerischen Arbeit arbeitest du zum Thema chronische Schmerzen. Die Produktion entsteht dabei u.a. aus deiner persönlichen Betroffenheit von chronischer Migräne. Was war deine Motivation, dich in deiner künstlerischen Arbeit diesem komplexen Thema zu widmen?
Die Lust, mich nicht mehr länger zu verstecken. Nicht mehr so tun zu müssen, als sei alles okay, obwohl ich 24/7 Schmerzen habe. Ich hatte grosse Lust, mich mit einem künstlerischen Team zu umgeben, das chronische Schmerzzustände aus gelebter Erfahrung kennt. Denn es kann sehr einsam sein, mit chronischen Schmerzen zu leben und zu arbeiten. Gemeinsam mit meinem Team möchte ich ein Projekt gestalten, in dem wir mit unseren Körpern arbeiten, ihnen zuhören, herausfinden, was sie brauchen und gemeinsam kreativ sein können, rund um unsere Schmerzthematiken. Und es ist mir ein grosses Anliegen mit meiner Arbeit das ableistische System zu thematisieren statt es weiter stillschweigend zu bedienen.
Die Produktion trägt den Titel Collective Rhythms of Pain. Wie wurden individuelle Schmerzerfahrungen der Beteiligten choreografisch, dramaturgisch und künstlerisch in Rhythmen und Formen übersetzt? Wie materialisieren sie sich?
Schmerzen sind sehr kreativ: Sie haben unterschiedlichste Intensitäten, Tempi, Grössen, Texturen und Dramaturgien. Gewisse Schmerzen sind langwierig und dumpf, andere stechend oder pulsierend. Gewisse Schmerzen lassen uns quietschen, andere lassen uns knurren oder lachen. Schmerzen verändern die Art wie wir uns durch die Welt bewegen und mit ihr interagieren. Über diese Erfahrungen tauschen wir uns aus und aus ihnen erschaffen wir unser künstlerisches Material. Wir fragen beispielsweise: was für ein Kostüm hätten meine Schmerzen gerne? Welches Licht empfinden wir als angenehm, wenn wir sinnesüberreizt und lichtempfindlich sind? Beim Bühnenbild haben wir uns von der Interaktion mit den Schmerzen inspirieren lassen: egal wie oft wir versuchen Symptome wegzudrücken, sie kommen immer wieder. Das materialisiert sich in einem Bühnenbild, das mit einem ähnlichen System funktioniert: es bewegt sich in Abhängigkeit – immer, wenn etwas an der einen Seite heruntergedrückt wird, bäumt es sich am anderen Ort verstärkt auf.
Du arbeitest mit Menschen, die von chronischen Schmerzen betroffen sind. Inwiefern hat das den Arbeitsprozess beeinflusst, was und wo habt ihr adaptiert, wie den Prozess gestaltet?
Unsere Probewochen dauern jeweils maximal zwei Wochen am Stück und sind so gestaltet, dass wir jeweils nach zwei Wochen eine längere Pause zwischen den Blöcken haben. Unsere Arbeitstage sind kürzer als acht Stunden und wir machen einen Nachmittag pro Woche Probepause. Im Vorfeld haben wir das Team nach ihren Access Ridern gefragt. Ein Access Rider ist ein persönliches Dokument, worin behinderte, chronisch kranke oder neurodivergente Menschen ihre individuellen Zugangsbedürfnisse und Barrieren für die Zusammenarbeit in Arbeits- oder Kulturprojekten festhalten können. Während der Probezeit haben wir einen Access Rider-Workshop veranstaltet, so dass diejenigen vom Team, die bis anhin noch keinen Access Rider hatten, einen erstellen können.
Wir haben als Verein eine Krankentaggeldversicherung und wenn Menschen im Team krank sind, oder ausfallen, müssen sie uns nicht sofort ein Arztzeugnis zeigen. Erst wenn der Krankheitsfall bei der Versicherung gemeldet werden muss, brauchen wir eins. Das kann ein erheblicher und mühsamer Mehraufwand für Menschen mit chronischen Schmerzen sein. Wir glauben ihnen, wenn sie sagen, dass sie nicht kommen können, und wir bezahlen sie, auch wenn sie krank sind (leider in der Kultur nicht immer eine gängige Praxis).
Während den Proben versuche ich so oft es geht den Tänzerinnen die Möglichkeit zu geben, bei der Probegestaltung mitzuentscheiden. Beispielsweise indem ich verschiedene Optionen anbiete, zwischen denen sie wählen können. Oder bei choreografischen Anweisungen immer hinzuzufügen: sofern das für dich geht, sonst finden wir eine andere Lösung. Aus eigener Erfahrung weiss ich nur zu gut: Schmerzen sind dynamisch und nie jeden Tag gleich. Ich finde es sehr spannend ein Arbeitsumfeld zu schaffen, in dem Menschen sich auch an einem schlechteren Schmerztag wohlfühlen, teilzuhaben, sofern sie das möchten.
Access Dramaturgie und Zugänglichkeitsmassnahmen sind zentral in deinem Projekt. Welche Zugänglichkeitsmassnahmen setzt ihr wie um?
Zugänglichkeitsmassnahmen werden bei uns nicht nachträglich hinzugefügt, sondern waren von Anfang an zentraler Bestandteil unseres Konzepts. Neben praktischen Vorbereitungsarbeiten – wie Begehungen aller Spielorten, um Informationen zur Barrierefreiheit zu sammeln – findet viel künstlerische Arbeit an Barrierefreiheit auf den Proben im Austausch zwischen Szenographie, Videodesign, Dramaturgie und künstlerischer Leitung statt. Gemeinsam erarbeiten wir Collective Rhythms of Pain (CROP) als Relaxed Performance mit deskriptiven, kreativen Übertiteln. Konkret bedeutet das etwa: Wir entwerfen ein Raumkonzept, dass Menschen mit chronischen Schmerzen und Neurodivergenzen willkommen heisst, gestalten die kreativen Übertitel oder schreiben eine Relaxed Performance-Ansage, die im Stück für das gesamte Publikum hör- und lesbar sein wird.
Unsere Übertitel in Englisch und Deutsch sind Teil des Videodesigns und umfassen neben gesprochenem Text auch Musik- und Geräuschbeschreibungen. Für das Publikum gibt es in den vorderen Reihen eine Sitzlandschaft aus Sitzsäcken sowie Decken und Kissen. Vor der Vorstellung steht eine Person aus unserem Team für Zugänglichkeitsfragen zur Verfügung und bietet jeweils 30 Minuten vor Beginn der Show eine Barrierefreiheitstour an, bei der etwa die dunkelsten, hellsten und lautesten Momente des Stücks sinnlich erfahrbar werden. Transparenz ist uns wichtig, daher stellen wir vorab auf allen Kanälen ausführliche Informationen zur Barrierefreiheit des Abends bereit, damit Besucher*innen informierte Entscheidungen treffen können.
Worin liegt für dich die gesellschaftliche und politische Dringlichkeit dieses Stücks?
Schmerzen betreffen uns alle, unabhängig von Alter, Herkunft, sexueller Orientierung, Religion, Klasse, Geschlechtsidentität, Einkommensklasse, Bildungsstatus und Weltanschauung. Auch wenn sich individuelle Schmerzen in Häufigkeit, Dauer und Intensität unterscheiden, begegnen und begleiten sie uns ein Leben lang. Ob als chronische Rückenschmerzen, ein kurzer aufflammender Fussschmerz oder wellenförmig verlaufende Herzschmerzen – sie sind kein temporäres, aus der Norm fallendes Problem. Schmerzen sind integraler Bestandteil unseres Lebens, unserer Gesellschaft, unserer (Gesundheits-)Politik und unserer Körper.
Trotz der breiten Betroffenheit von Schmerzen, zeigen Studien, dass er nicht neutral wahrgenommen wird, sondern klar sozial eingeordnet ist und deswegen ungleich bewertet wird: Der Schmerz von Frauen wird häufiger unterschätzt und psychologisiert, BIPoC-Personen erhalten bei gleicher Intensitätsangabe von Schmerzen seltener Schmerzmittel und Menschen aus niedrigeren sozialen Klassen wird weniger Glaubwürdigkeit im Bezug zu ihren Schmerzen zugesprochen. Das finde ich sehr problematisch.
Im Arbeitsbereich der darstellenden Künste und insbesondere im Tanz sind körperliche Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit von zentraler und existenzsichernder Bedeutung. Verletzungen oder Schmerzen beenden immer noch viele Berufslaufbahnen auf und hinter der Bühne und werden somit verständlicherweise von vielen Betroffenen versteckt. Sie nutzen aufwendige und erschöpfende Strategien, mit dem Ziel ihre Zustände zu verstecken, um sich an eine normierte, leistungsorientierte Gesellschaft und Berufsfeld anzupassen – was sie im Endeffekt durch die ständige und massive Anpassungsleistung und Anstrengung oft noch kränker werden lässt.
Diese Negativspirale möchte ich mit der Produktion CROP durchbrechen.
Was hast du während dem Prozess (neu) gelernt? Und was hat dich besonders berührt?
Wir strecken gerade noch mittendrin, aber was ich jetzt schon sagen kann: ich habe ein unglaublich tolles Team, das dieses Projekt mit so viel Sorgfalt und Enthusiasmus zusammen mit mir entwickelt und trägt. Es berührt mich immer wieder zu sehen, wie eine kleine Idee in meinem Kopf sich zu einem Stück konkretisiert, materialisiert und weiterentwickelt, wenn sie von so vielen tollen Menschen getragen wird.
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